Eveline Hauser und
Dominik Waldmeier

Immer in Bewegung

Geliebt hat sie die Geissen schon als Kind, und so war es eigentlich klar, dass Eveline irgendwann auch zur Alp gehen würde. Vier Sommer lang arbeitete sie als Hirtin auf verschiedenen Alpen, zuletzt auf der Alp Puzzetta. Dort packte auch Dominik mit an, als Zivildienstleistender beim Bergwald-Projekt. Er war als Gruppenleiter für die Forstarbeiten zuständig. Hier heckten die beiden die Idee für ein gemeinsames Abenteuer aus: mit einer kleinen Geissenherde zu Fuss durch die Schweiz zu ziehen. Das Abenteuer begann im Sommer 2011. Nach zwei Monaten Nomadenleben war das Ziel, die Val Medel, zwar erreicht - das Abenteuer aber fing eigentlich erst an.

Aus einer Handvoll geschenkter Ziegen wurde innerhalb weniger Jahre eine bunte Herde von knapp 50 Muttergeissen, zwei Deckböcken und einem Dutzend Packböcken, mit denen Eveline und Dominik auch Trekkingtouren anbieten. Dass sie sich in der Val Medel eine Existenz aufbauen würden, war zu Beginn alles andere als absehbar. Zwar gab es Land zu pachten, aber ein eigener Hof war nicht in Sicht. Mit viel Lust am Experiment und dem Mut zum Improvisieren fanden sie darum eine eigene Lösung: Das Nomadenleben ging in eine Art Teilzeit-Verlängerung, als die beiden eine Jurte als provisorische Bleibe aufbauten.

Geissen-Kühe-WG

Ende 2015 ergab sich die Chance, einen Mutterkuh-Betrieb im Tal zu übernehmen. Ein Teil der Ställe wurde umgebaut, und die Kühe bekamen neue Mitbewohnerinnen. Die Geissen-Kühe-WG scheint gut zu funktionieren. Man beäugt sich mit stoischer Gelassenheit - Hauptsache, es gibt für alle genug zu fressen. Und neben Gitzi-, Junggeissfleisch und Alpmilch produzieren Eveline und Dominik nun auch Natura Beef. Den beiden scheint die Energie nie auszugehen, mit der sie sich auf neue Projekte einlassen. Einfach mal anfangen, der Weg entsteht beim Gehen.

Was ist das Besondere am Leben in der Val Medel? Das Tal und die Umgebung sind einfach ideal für Geissen, findet Eveline - und ausserdem erinnert es sie ein wenig an ihre Heimat in Uri. Auch die Allmende auf dem Péz Muraun ist aussergewöhnlich: Flächen, auf denen die Geissen sich frei bewegen dürfen, nach der Alpzeit im Herbst. Für Dominik sind es die Wildheit und die Ruhe, der Wechsel zwischen Voralpen und Hochgebirge und die Nähe zum Süden, welche die Val Medel nicht nur für Geissen, sondern auch für Menschen zu einem guten Ort machen. Und nicht zuletzt die noch lebendige Kultur der Geissenhaltung.

Visionen tragfähig machen

In den nächsten Jahren wird es darum gehen, den Betrieb auf wirtschaftlich solide Beine zu stellen. Vielfältig, in einer Grösse, die gut zu bewältigen ist, zugleich ein Einkommen sichert und Investitionen möglich macht. Es sind keine einfachen Fragen, die man sich da stellen muss. Wie viele Geissen können wir halten, wenn wir naturnah und extensiv wirtschaften wollen? Müssen wir mehr auf Fleisch setzen oder auf Milch? Und werden wir genug Konsumenten finden, die den Wert dieser aufwändigen Tierhaltung erkennen und bereit sind, dafür höhere Preise zu zahlen?

Das Projekt la caura, so hoffen die beiden, kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Neben der leichteren Vermarktung, sicheren Abnahmemengen und angemessenen Preisen wäre die Entwicklung eines eigenen Qualitätslabels eine grossartige Sache: eigene hohe Standards, welche die Produkte von hier auszeichnen. Und wenn man das Ganze weiterspinnt, könnte sich ein grosses Netzwerk entwickeln aus Projekten, Gastronomie, Tourismus, Landwirtschaft und Konsumenten, in dem man gemeinsam Werte schafft, von denen alle profitieren.

Auf Besuch bei der Göttigeiss

Die Entscheidung für die Geissen war eine Herzensentscheidung. Wenn Eveline und Dominik von ihren Tieren erzählen, leuchtet ihnen die Liebe zu den Ziegen mit ihren individuellen Persönlichkeiten, ihrer Neugier, Verschmustheit und ihren nicht immer einfachen Eigenheiten aus den Augen. Wer die beiden besucht, kann viel lernen. Und wer zum Beispiel eine Geissenpatenschaft übernimmt, hat gleich noch einen Grund, in die Val Medel zu kommen: der Göttigeiss ein paar frische Zweige zum Knabbern mitzubringen! Von Dezember bis Mai, wenn die Geissen daheim und die Gitzi auf der Welt sind, lohnt sich ein Besuch nach Voranmeldung besonders.

Wer die Val Medel näher kennenlernen möchte, für den hat Dominik eine ganz eigene Empfehlung: Sprecht die Leute an, die hier schaffen, ob in der Landwirtschaft oder anderswo, und arbeitet mal ein paar Tage mit!

Weitere Infos zu Eveline, Dominik und ihren Tieren gibt es auf www.geissherz.ch.